„Sachverständige sind unverzichtbare Partner bei der Wahrheitsfindung“
„Richter, Anwalt und Sachverständiger – Partner oder Gegner?“ Die eindeutige Antwort auf dem Sachverständigentag 2026 lautete: Partner. Richterinnen und Richter würden als Generalisten des Rechts ausgebildet, sagte Dr. Hans Oehlers, Vizepräsident des Oberlandesgerichts Oldenburg. „Wir sind in der Regel keine Statiker oder keine Maschinenbauingenieure.“ Es gehe in den Prozessen aber eben auch um Fragen, die man mit juristischem Handwerkszeug nicht beantworten könne. Oehlers nannte die Sachverständigen „unverzichtbare Partner bei der Wahrheitsfindung“.
Auch Dr. Katrin Seidel-van Rijckevorsel, Vorsitzende Richterin am Landgericht Kiel, betonte bei der Veranstaltung auf dem Gut Rethmar, die Gerichte seien dringend auf die Sachverständigen angewiesen. Wichtig sei, Gutachten so zu gestalten, dass die Laien es verstehen. Zudem gehe es darum, Empathie für Verfahrensbeteiligten aufzubringen und gut zu kommunizieren.
Nicht immer kann man die Kommunikation inzwischen aber als gut bezeichnen. Die Luft vor Gericht werde rauer, sagten übereinstimmend Seidel-van Rijckevorsel und Sebastian Staats, Anwalt bei den Appelhagen Rechtsanwälten. Beide sprachen von einem gesellschaftlichen Phänomen, teilweise liege es auch an der digitalen Kommunikation. „Bei einer E-Mail ist schnell der ‚Senden‘-Button gedrückt, bei einem Brief denkt man vielleicht noch ein zweites Mal über dessen Inhalt nach“, meinte Katrin Seidel-van Rijckevorsel.
Johannes Düker, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Fassaden- und Fassadenbekleidungen, Fenster und Türen, berichtete, ein Richter habe ihn kürzlich als „austauschbares Rechtsmittel“ bezeichnet. Dabei sei man doch Partner der Gerichte. Das machte auch Sebastian Staats deutlich. Nichts sei gefährlicher als Halbwissen. „Wenn ein Richter meint, er könne das mit seiner Lebenserfahrung entscheiden, ist das nicht realistisch“, so Staats.
Laura Joeken, die mit Unternehmern und Führungskräften an deren Stimme und Auftreten arbeitet, übte mit den Teilnehmenden des Sachverständigentags ein noch überzeugenderes Auftreten vor Gericht. „Es geht darum, ein Gefühl und ein Bewusstsein für die eigene Stimme zu bekommen“, erklärte Joeken. „Wirkungskompetenz kann man lernen.“
Auch über unbequeme Fragen wurde auf der Veranstaltung gesprochen – zum Beispiel: Was passiert eigentlich, wenn der Sachgutachter selbst einmal irrt? „Völlig falsch wäre dann das Credo: Augen zu und durch“, meinte Sebastian Staats. Wichtig sei, am Ende zum richtigen Ergebnis zu kommen. Seidel-van Rijckevorsel ergänzte, es sei wichtig, dass Fehler eingestanden werden. Schließlich gehe es auch um die Haftung für ein falsches Gutachten. Möglicherweise müsse man von grober Fahrlässigkeit ausgehen, sollte der Fehler dem Gutachter vorher aufgefallen sein.
Einen Fehler einzugestehen, könne auch einen positiven Effekt haben. „Es wirkt doch auch sehr souverän, einem anderen Kollegen recht zu geben. Es geht schließlich nicht darum, dass der Sachgutachter immer gewinnt“, sagte Seidel-van Rijckevorsel. Es sei ja gerade gut, sich auch selbst immer wieder zu prüfen.
